"Bildungsportale - Wegweiser im Netz"
Expertenworkshop am LISUM in Ludwigsfelde, 28. - 30. Januar 2004
Veranstalter: Humboldt Universität zu Berlin, Abt. Pädagogik und Informatik
und Empirische Bildungsforschung und Methodenlehre
Paneldiskussion: "Informationszuwachs oder Wissensschwund?
Die Bedeutung von Bildungsportalen und Lernplattformen"
Teilnehmer: Dr. Richter, Herr Retzlaff, Dr. Brenstein, Herr Philipp, Prof. Lehmann, Prof. Aufenanger, Dr. Kos
Moderation: Dr. Kos
1. Fragerunde: Welche Potenziale und Begrenzungen sehen Sie für Prozesse der
Informationsgewinnung, -verarbeitung und -bewertung mit Hilfe von Suchmaschinen
und Bildungsportalen?
-
Herr Kos erläutert die Funktionen von Bildungsportalen und weist auf noch
ungenutzte Potenziale und Grenzen hin, auch im Hinblick auf die unterschiedlichen Rollen
von Bildungsportalen und Suchmaschinen.
-
Herr Aufenanger merkt an, dass die Technologien noch am Anfang stehen. Portale
engen die Suche ein und können Hilfestellung bei der Orientierung geben. So ist z.B.
Blindekuh eine gutes Portal für Kinder, welches kindgerechte Seiten anbietet.
-
Herr Lehmann hält Bildungsportale für eine interessante Quelle für Lernende,
da sie ein breites Angebot bieten, ohne von Anfang an Fragestellungen zu verengen.
-
Frau Brenstein weist darauf hin, dass das enorme Potenzial von Bildungsportalen
erst durch eine verbesserte Kategorisierung von Informationen genutzt werden kann, da
erst dann eine punktgerechte Suche ermöglicht werden kann, wenn die Informationen mit
den entsprechenden Metadaten versehen sind. Ein weiteres Problem ist die Qualitätssicherung:
z.B., sollten Quelle und Erstellungsdatum immer erkennbar sein. Im kommerziellen Bereich
(wie z.B. bei Amazon) gibt es Qualitätsbewertungen, die jedoch nur bedingt verlässlich
sind wegen der fragwürdigen Qualifizierung der Bewerter. In der qualitativen Auswahl
von Inhalten durch qualifizierte Fachredakteure besteht eine wichtige Aufgabe für
Bildungsportale.
-
Herr Aufenanger merkte kritisch an, dass Google nicht das ganze Internet
abbildet und die Qualität durch Werbeeinflüsse beeinträchtigt ist. Für viele Studenten
gilt: was nicht bei Google zu finden ist, gibt es nicht.
2. Fragerunde: Von den Nutzern werden an Bildungsportale, als Werkzeuge für Wissensmanagement,
spezifische Anforderungen und Erwartungen gestellt. Welche Befunde sind hier besonders
bemerkenswert? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die technische und inhaltliche
Weiterentwicklung der Portale?
-
Herr Richter weist darauf hin, dass Suchmaschinen und Bildungsportale nicht vergleichbar
sind, da Bildungsportale nicht die notwendigen Ressourcen zur Verarbeitung großer
Informationsmengen besitzen. Bildungsportale sollen Übersicht vermitteln, sie haben
demnach eine Orientierungsfunktion und dienen nicht generell der Suche. Daher ist eine
Schärfung des zielgruppenspezifischen Profils angestrebt: der Nutzer benötigt zugeschnittene
Angebote.
- Herr Retzlaff führt aus, dass die Gruppe der Redakteure ähnliche Ziele verfolgt.
Trotz unterschiedlicher Ansätze bei den Landesbildungsservern, haben sich gemeinsame
Arbeitsschwerpunkte herausgebildet. Durch die Kooperationen ergibt sich ein deutlicher
Mehrwert im Hinblick auf die Gestaltung der Angebote.
- Herr Philipp weist auf die ständig wachsenden Angebote an E-Learning-Materialien hin.
Beim Bildungsportal Thüringen gibt es einen ersten Ansatz, diese Materialien für den
Hochschulbereich systematisch zu erschließen.
- Herr Lehmann sieht eine wesentliche Rolle von Bildungsportalen ebenfalls in der
thematischen Erschließung durch die themenspezifische Zusammenstellung von Materialien
(z.B. Informationen zu PISA auf den Seiten der GEW).
- Herr Kos betont, dass die Zielgruppenspezifik eine selbstverantwortliche
Bildungsportalgestaltung erfordert. Da die Auswahl der Inhalte bereits eine Bewertung und
Qualitätsbeurteilung darstellt, ist es wichtig, dass trotz Ausdifferenzierung bzw.
Selektion ein ausgewogenes Angebot vorgehalten wird.
- Herr Lehmann meint dieser Aspekt sollte nicht überbetont werden.
Das Einstellen von Informationen, die unter dem Aspekt der Seriosität ausgewählt
wurden ist nichts fragwürdiges, insbesondere beim Deutschen Bildungsserver. Andererseits kann der Deutsche Bildungsserver nicht
"hausaufgaben.de" Konkurrenz machen.
- Frau Brenstein weist darauf hin, dass eine Zielgruppenspezifik grob sein
muss, da es nicht einfach ist, zu wissen, welche Inhalte für welche Nutzer interessant
und relevant sind. Es macht auch bei Lernangeboten daher Sinn, Materialien durch
Metadaten aufzuschliessen, damit der Nutzer entscheiden kann, was von Interesse ist.
So sollten Lernende auch in der Lage sein, eigene Inhalte anzubieten.
Manche Bildungsserver dienen bereits als Kommunikationsplattform
(vgl. Hessischer Bildungsserver). Eine Personalisierung kann in Form von
Pushdiensten realisiert werden, welche Nutzer benachrichtigen, wenn neue,
dem definierten Interessengebiet entsprechende Informationen eingestellt wurden.
- Herr Retzlaff unterstützt ebenfalls, dass die Kommunikation zwischen
Nutzern u. Bildungsservern stärker im Vordergrund stehen sollte. Dies steht einer
Auswahl von Inhalten bezüglich der Zielgruppen nicht entgegen. Bei der Auswahl
wird eine hohe Verlässlichkeit und Qualität angestrebt.
- Herr Richter sieht auch keine Gefahr durch die Selektion der Inhalte.
Er sieht die positive Auswahl von Materialien eher als Dienstleistung an. Wer
Qualität sucht, findet sie beim DBS.
3. Fragerunde: Bildungsportale und Lernangebote im Netz erfordern für das Auffinden
von Informationen, für die Analyse ihrer Qualität und für ihren Einsatz in Lehr/Lernprozessen
einen im Umgang mit Medien kompetenten Nutzer. Wo sehen Sie in der gegenwärtigen
Bildungslandschaft positive Ansätze und Impulse für die Entwicklung von Medienkompetenz
seitens der Nutzer? Wo sind Veränderungen notwendig?
-
Herr Kos: Blended Learning ist nicht nur bei den Produzenten von Lernplattformen angesiedelt, sondern
kann auch mit Bildungsportalen erfolgen. Erforderlich ist Medienkompetenz im Umgang mit
Bildungsportalen. Zum Beispiel erfolgreiches Suchen erfordert eine spezifische Medienkompetenz
bei den Benutzern.
- Herr Philipp weist darauf hin, dass auch neue interpersonelle Grundkompetenzen
erforderlich sind. Die Kommunikation unter den Nutzern nimmt zu. Kooperation erfordert
Kommunikation u. Kommunikation fördert Kooperation.
- Frau Brenstein merkt kritisch an, dass es oft an didaktischen Vernetzungsstrategien
fehlt. Oft herrscht ein zu verkrampfter Umgang mit Medien in der Schule. Es gibt positive
Gegenbeispiele, u.a. in Amerika. Gefordert ist mehr Phantasie beim Lehrpersonal bei der
Einbeziehung von neuen Medien in den Unterricht.
- Herr Retzlaff sieht die Aufgabe von Bildungsportalen nicht in der Entwicklung von
Medienkompetenz. Medienkompentenzförderung ist eine Aufgabe für die bildungspolitisch
Verantwortlichen und sollte ein Teil der Schlüsselqualifikationen für alle Lehrer sein.
- Herr Aufenanger hält es für wesentlich im Umgang mit Medien, wie man Ergebnisse
bewertet. Bei frühzeitiger Einführung in den Umgang mit Medienarbeit bereits in
Kindergarten und Grundschule ergeben sich dabei kaum geschlechtsspezifische Differenzen.
Medienkompetenz sollte im Gesamtkontext der Pädagogik betrachtet werden. Es gibt auch
eine ethische Dimension im Hinblick auf die Gestaltungsmöglichkeiten. Die Verengung
der Medienkompetenz auf Selektionsfähigkeiten ist zu eng. Es geht auch darum,
allgemeine Kompetenzen auf Medien zu übertragen, z.B. Erfahrungswissen zur Entscheidung
über die Relevanz von Informationen herauszuziehen.
- Herr Lehrmann weist darauf hin, dass Medienkompetenz nicht unbedingt eine
Sache von Bildungsportalen ist.
4. Fragerunde: Wenn Sie die drei Tage Revue passieren lassen, welche konkreten
Schlussfolgerungen und zukünftigen Aufgabenstellungen ergeben sich für Sie aus den
Beiträgen und Diskussionen des Workshops?
-
Herr Kos bitte um ein kurzes Statement über die Setzung von Schwerpunkten und die Formulierung
von markanten Gesichtspunkten.
-
Herr Richter ist gespannt auf die Gesamtergebnisse der Studie im Hinblick
auf den DBS.
- Herr Retzlaff wünscht sich eine erfolgreiche Umsetzung der Vorstellungen der
Arbeitsgruppe und eine Stabilisierung der redaktionellen Kooperation.
- Frau Brenstein ist der Meinung, dass einzelne Aspekte der Usability von
Bildungsportalen differenzierter untersucht werden sollten.
- Herr Philipp wünscht eine Schärfung der Begrifflichkeiten und eine bessere
Wahrnehmung der Angebote von Seiten der Lerner. Die Nutzung kann verbessert werden
durch modulare Angebote und eine Steigerung der Transparenz.
- Herr Lehmann: Multisperspektivität vor dem Hintergrund der Unterstützung des
selbstgesteuerten Lernens auf Bildungsportalen
- Herr Aufenanger ist der Meinung, dass die Usability von Bildungsportalen größere
Beachtung finden sollte. Wichtig ist zu erfahren, welche Hilfe Medien geben können,
um die gesteckten Ziele umzusetzen. Bewertung und Auswahl sollten transparent gemacht
werden, damit die Lotsenfunktion erfüllt werden kann. Rezeptionsprozesse müssen besser
verstanden und untersucht werden.
- Frau Brenstein fügt hinzu, dass Bildungsportale auch eine Erziehungsfunktion
wahrnehmen und sich Marketingeffekte zunutze machen sollten.
- Herr Kos fasst zusammen, dass Bildungsportale zunehmend zu Lernplattformen werden.
Dies ist eine wichtige Erkenntnis für Nutzer und Betreiber von Bildungsportalen.
Weitere Entwicklungen sollten dies explizit berücksichtigen. Bildungsportale sind
Informations- Kommunikations- und Kooperationsräume.
Abschliessend dankt Herr Kos den Teilnehmerinnen und Teilnehmern für ihre konstruktive
Mitarbeit und die gute und erfolgreiche Arbeitsatmosphäre. Er gibt der Hoffnung Ausdruck,
dass es weitere derartige Workshops geben wird.